In jeder Stadt gibt es Orte, die Einheimische wie Touristen scheinbar magisch anziehen. So wie der Times Square in New York, der Platz vor dem Centre Pompidou in Paris oder die Straße Unter den Linden in Berlin.
Orte, wo sich das öffentliche Leben abspielt, wo man Geschäfte treiben, sich zwanglos aufhalten, Neuigkeiten austauschen oder einfach Zeit verbringen kann. Orte, die Geschichte atmen, die architektonisch interessant sind oder wo die Natur besonders sehenswert ist. Orte, die eine soziale, kulturelle oder kommerzielle Bedeutung haben, bestenfalls alles zusammen. „Third Places“ nennt der amerikanische Soziologe Ray Oldenburg solche Orte. Dabei bezieht er sich auf eine These Sigmund Freuds, der davon ausging, dass der moderne Mensch nur zwei Orte, nämlich einen Arbeitsplatz und ein Zuhause, brauche, um glücklich zu sein. Oldenburg meint dagegen, dass jeder Mensch von Zeit zu Zeit einen „Dritten Ort“ als Zuflucht braucht, der ihm jenseits von Job und Familie soziale und kulturelle Interaktion ermöglicht. So seien „Dritte Orte“ dadurch gekennzeichnet, dass sie „frei oder günstig zugänglich sind, dass Speisen und Getränke angeboten werden, dass sie einladend, komfortabel und gut erreichbar sind und dass es hier Leute gibt, die regelmäßig kommen genauso wie andere, die nur zufällig da sind.““
Nicht nur besondere Sehenswürdigkeiten können also als „Dritte Orte“ dienen, sondern jeder öffentliche Raum, an dem man sich ausruhen und als Teil einer Gemeinschaft fühlen kann.
Keine bahnbrechende Erkenntnis eigentlich, schließlich gab es in der Menschheitsgeschichte immer Plätze, wo man sich traf, Geschäfte machte oder Neuigkeiten austauschte, sei es die „Agora“ im antiken Griechenland oder der Marktplatz im Mittelalter. Orte, die soziale, kulturelle und ökonomische Bedürfnisse in sich vereinten. Doch seit der Industrialisierung blieben diese oft auf der Strecke: in modernen Wohnblöcken fehlten gemütliche Cafés oder Eckkneipen, mit Zunahme des Verkehrs vertrieben Autos die Menschen von den Straßen und viele Plätze wurden regelrecht zubetoniert und verloren so ihren einladenden Charakter. Im 20. Jahrhundert wurde der öffentliche Raum sukzessive anonymisiert und entsozialisiert.
„Kristallisationspunkt des kommunalen Lebens“
In Umstand, den auch der amerikanische Architekt Victor Gruen vor rund 80 Jahren erkannte. Der aus Wien emigrierte Jude vermisste in Amerika die „Gemütlichkeit“ einer gewachsenen Altstadt. Seine Antwort auf den fehlenden „Dritten Ort“ war die Erfindung des Shoppingcenters, quasi als „Kristallisationspunkt des kommunalen Lebens in der Vorstadt“. Einerseits sollte den Hausfrauen in den ausufernden, zersiedelten Außenbezirken das Einkaufen erleichtert werden, andererseits wurde hier das öffentliche Leben in einem Mikrokosmos simuliert. So verfügten die ersten Einkaufzentren über Bibliotheken, Kindergärten und Clubräume, um der Isolation der Vorstadt entgegenzuwirken. In späteren Entwürfen ersann Gruen sogar ganze Städte, die sich rund um die Shopping Mall gruppierten. Ein Konzept, das ungeahnten Erfolg hatte. Schließlich verkörperten Shoppingcenter die idealtypischen Werte suburbanen Lifestyles, nämlich Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. Nebenbei dienten sie im „Kalten Krieg“ in Erwartung eines feindlichen Atomangriffs auf die Stadtzentren als dezentrale Bunker- und Evakuierungszonen.
Die Angst vor einem Atomkrieg ist heute glücklicherweise weniger akut, doch die Sehnsucht nach dem „Dritten Ort“ ist geblieben. Viele, vor allem jüngere Menschen sind deshalb in virtuelle Welten abgetaucht. Die „Generation 2.0“ chattet, twittert, skypt und schlüpft in die Rolle von künstlichen Avataren. Eine Entwicklung, die allerdings nach Ansicht von Experten ihren Höhepunkt schon überschritten hat. So konstatiert der Zukunftsforscher Matthias Horx im Trendreport 2009 einen sich ausbreitenden digitalen Überdruss, weil „virtuelle Welten die realen nur bedingt ersetzen können.“ „I´m getting bored of facebook“ so die Hymne der neuen Internetverweigerer. Nach Horx´ Einschätzung hätten in Deutschland schon Millionen User ihren privaten Internetkonsum stark eingeschränkt, Tendenz steigend. Schließlich erkenne man selbstkritisch, dass das Internet zu viel Zeit koste und persönliche Kontakte in der realen Welt reduziere.
„Die Lust auf urbanes Wohnen wächst“
Ein Verlangen nach körperlicher Präsenz als Gegenpol zu Globalisierung und weltumspannender Telekommunikation konstatiert auch der Medienwissenschaftler und Philosoph Norbert Bolz. „Die Medienrevolution verlangt eine humane Kompensation: den gestalteten urbanen Raum (...) durch architektonische Kultorte: den großen Platz, die Fußball-Arena, den Freizeit-Park, die Abschirmung kleiner Paradiese.“ Orte, wo man wirkliche menschliche Kontakte pflegen kann, sind heute gefragter denn je.
Eine Entwicklung, die sich auch in den Städten widerspiegelt. Die jahrzehntelange Landflucht ist gestoppt, der Trend geht zurück in die Innenstädte. Friedrichshain statt Friedrichsfelde, Eimsbüttel statt Poppenbüttel, Schwabing statt Starnberg, so die Devise. Auch Horst W. Opaschowski von der Stiftung für Zukunftsfragen konstatiert eine Renaissance der Stadtzentren. „Die Lust auf urbanes Wohnen wächst, ohne Städte ist kein Staat mehr zu machen.“ So wurden in den letzten Jahrzehnten überall große Anstrengungen unternommen, die Innenstädte wieder lebenswert zu gestalten. In neu angelegten Parks, in Fußgängerzonen und Coffee Shops stillen die Stadtmenschen ihre Sehnsucht nach menschlichen Kontakten und urbanem Lebensgefühl. Und eben in Shoppingcentern, die heute nicht mehr auf der grünen Wiese stehen, sondern seit den 80ern zunehmend in den öffentlichen Raum integriert wurden und heute ein wichtiger Teil des urbanen Stadtgefüges sind. Wer sie besucht, will natürlich seine Grundbedürfnisse in Sachen Shopping und Service erfüllt sehen. In jedem Einkaufszentrum findet man deshalb hauptsächlich Mode und Lifestyle, dazu Lebensmitteldiscounter, Drogerieketten und Elektronikfachmärkte, Friseure, Kosmetikstudios, Schuster, Reinigungen, Apotheken, Ärzte, Bäcker, Gastronomie und natürlich genügend Parkplätze.
Doch der Besucher von heute kommt eben nicht nur zum Einkaufen. Er sucht den „Third Place“, will also auch einfach nur bummeln und verweilen, sehen und gesehen werden, Spaß haben und sich unterhalten, und das sogar nach Ladenschluss, am Wochenende und besonders bei schlechtem Wetter.
Schließlich strebt der moderne Konsument nach Wohlgefühl, wie Trendforscher vom Zukunftsinstitut konstatieren. Zudem suche er nach Identifikation, ja ihn treibe gar eine Sehnsucht nach dem „Aufbruch aus der Normalität, nach Wiederverzauberung und Erotisierung des Konsums.“ Kundenwünsche, denen die Betreiber von Einkaufszentren heute Rechnung tragen müssen, damit die Center zu allseits akzeptierten „Dritten Orten“ werden. So rüstet man auf mit Freizeitangeboten wie Fitnessstudios und Ballettschulen, Indoor-Spielplätzen und Kinderparadiesen, Kinos und Discos. Einkaufstempel mutieren zu multioptionalen Freizeitoasen, die bequem mit öffentlichen oder privaten Verkehrsmitteln erreichbar sind. Ein in Berlin geplantes Zentrum soll sogar über einen Bootsanleger verfügen.
„Wohlfühlcharakter durch entsprechende Architektur“
Unterstützt wird der Wohlfühlcharakter durch entsprechende Architektur. Manchmal spektakulär wie bei der Galeria Baltycka in Danzig, immer öfter aber eingebettet ins Stadtbild wie die Altmarkt-Galerie in Dresden. Die Innenausstattung ist betont hochwertig mit Marmorwänden und Holzfußböden, griechischen Säulen und gläsernen Kuppeln, Springbrunnen und tropischen Pflanzenwelten, Ledersesseln und Massagestühlen.
Zudem locken spektakuläre Sonderveranstaltungen und Themenwelten: mal gibt es eine Modenschau, mal tritt ein Zirkus auf, hier setzt man auf eine Eislaufbahn, dort wird ein Einkaufszentrum in einen Dschungel verwandelt inklusive Tarzan, der sich von Liane zu Liane schwingt. Das Center wird zur Bühne, auf der an markanten Knotenpunkten Geschichten erzählt werden, die den Besucher anlocken und mitreißen sollen.
Ein Blick zu den Nachbarn zeigt, welche
Entwicklungen in Zukunft denkbar sind.
So liegen immer noch große Wachstumspotenziale
im Gastronomiebereich, wie es
die Südeuropäer vormachen. Sogenannte
Foodcourts mit Speisen aus aller Herren
Länder gehören hier zu den Hauptattraktionen.
In Madrid lockt ein Einkaufzentrum
mit einer Skihalle, die sogar im Sommer
geöffnet hat. Die Polen gehen neuerdings
sonntags nach der Kirche in die Mall zum
Bummeln, vor allem junge Menschen treffen
sich hier regelmäßig. In der Türkei ist
der Ausflug ins Einkaufszentrum ein regelrechtes
Event; man trifft sich wie einst auf
dem Marktplatz und geht ins Kino oder in
Ankara sogar ins Theater. Auf den demographischen
Wandel eingestellt hat sich
das Schweizer „Westside-Zentrum“ bei
Bern. Es beinhaltet neben einem Erlebnisbad
mit Fitnesspark und einem Hotel auch
ein Altersheim.
In den USA sind Shopping Malls mit Zoos,
Aquarien und riesigen Vergnügungsparks
keine Seltenheit. Wo vor rund 50 Jahren
die ersten Einkaufszentren aus dem Boden
gestampft wurden, haben sich diese in den
letzten Jahren und Jahrzehnten zum Drehund
Angelpunkt des sozialen Lebens entwickelt.
Viele Amerikaner wachsen mehr
oder weniger in der Mall auf, lernen sich
kennen und heiraten sogar in der zugehörigen
„Wedding Chapel“.
Und immer mehr kommen mit Laptops bewaffnet und sitzen überall dort herum, wo es Wireless LAN frei Haus gibt. Die sogenannte „Kinko´s Generation “, ein Heer von jungen Angestellten und Selbständigen, hat den öffentlichen Raum als Arbeitsplatz entdeckt. Statt allein zuhause, sitzt man im „Third Place“ und genießt so eine Atmosphäre, die gleichzeitig intim und anonym ist, inspirierend wirkt und trotzdem konzentriertes Arbeiten ermöglicht. Und nach der Arbeit kommt das Vergnügen. Schon jetzt kann man in der „Mall of Amerika“ in Minneapolis seine kompletten Ferien verbringen. Ein Konzept, das auch die Planer der neuen „Megahubs“ in den Golfstaaten und Südostasien anstreben. So soll die 2009 eröffnende „Mall of Arabia“ in Dubai mit fast zwei Millionen Quadratmetern Verkaufsfläche Teil des weltweit größten „Urban Entertainment Centers“ werden, quasi eine ganze Stadt für sich, wo die Kunden per Flugzeug anreisen und ihren kompletten Urlaub verleben können.
So werden die Shoppingcenter immer mehr zu „Konsumtempeln“, ja zum „Schauplatz einer Wiederverzauberung der Welt“, nach der wir uns nach Ansicht des Philosophen Norbert Bolz gerade deshalb sehnen, weil jede Spur von Magie, Aura, Charisma und Zauber aus unserem aufgeklärten Alltag getilgt sei. Gleichzeitig steht bei den meisten Menschen weltweit der Wunsch nach einem authentischen Leben ganz weit oben in der Bedürfnisskala, wie aktuelle Studien belegen. Mit der richtigen Mischung aus Verzauberung und Authentizität werden Shoppingcenter also auch in Zukunft neben dem Café um die Ecke und der Straße unter den Linden als „Dritte Orte“ erfolgreich sein.

